Volksversammlung in Frohnhofen 1849

Seit dem Wiener Kongress 1815 bestand das heutige Deutschland aus vielen souveränen Einzelstaaten. Sie waren in einem Staatenbund – dem Deutschen Bund – miteinander ver­bunden. In dieser Zeit entstand gleichzeitig ein deutsches Nationalbewusstsein. Das Bürgertum wurde zunehmend politisch aktiv und forderte die Gründung eines National­staates mit Freiheits- und Grundrechten. Bürger wehrten sich gegen die Fürstenherrschaft und ihre Repression. Auch in den unteren Gesellschaftsschichten verstärkten sich die Proteste. Die erfolgreiche Märzrevolution 1848 machte den Weg frei für die Einsetzung eines gesamtdeutschen Parlaments. In der Frankfurter Paulskirche trafen sich seit dem 18. Mai 1848 Abgeordnete aus allen deutschen Staaten. Auch 1849 träumte man noch von der freien Republik:

Die große Volksversammlung in Frohnhofen am Ostermontag 1849

aus: Monika Schmittner: Der Traum von der freien Republik, Revolution am bayer. Untermain 1848/49;  Aschaffenburg 1998

Am Ostermontag, dem 9. April 1849, fand in Frohnhofen … eine großartig inszenierte Volksversammlung statt. Es sollen zwischen 3000 und 6000 Menschen teilgenommen haben.  …

Warum dieses spektakuläre Ereignis ausgerechnet in Frohnhofen abgehalten wurde, darüber gibt es nur Mutmaßungen: Möglicherweise wählte man das kleine Vorspessartdorf  … weil man in Aschaffenburg als Garnisonsstadt das Eingreifen des Militärs befürchtete. Sehr gut möglich ist aber auch, dass man von den überaus zahlreichen ländlichen Volks­vereinen mehr politische Unterstützung und Solidarität erhoffte, denn die Bauern er­kannten die Bedeutung der Reichsverfassung für die dauerhafte Absicherung der Ablösungsgesetze (= Ablösung ihrer wirtschaftl. Verpflichtung gegenüber den Grund­herren). Denkbar ist auch, dass Kilian Müller (s. auch unter „Geschichte/Persönlichkeiten“) Frohnhofen als Kundgebungsort vorgeschlagen hatte. Müller war im Ort ein angesehener Bauer und Brauer und politisch ein sehr rühriger Mann.  Vielleicht wollte man aber auch nur möglichst vielen Menschen zwischen Main und Spessart die Teilnahme ermöglichen und wählte Frohnhofen wegen seiner günstigen Verkehrslage an einer der West-Ost-Spessartdurchquerungen.

Nach Berichten aus erster Hand übertraf diese Versammlung alles bisher Dagewesene: „Koryphäen der äußersten Linken“ des Paulskirchenparlaments setzten sich – ausnahms­los von ihren Frauen begleitet – an die Spitze des Wagenzuges, der von Aschaffenburg über Goldbach und Hösbach nach Frohnhofen führte. … Ebenfalls an der Spitze fuhr ein mit schwarz-rot-goldenen Fahnen geschmückter Wagen der Aschaffenburger Turn­gemeinde. Dahinter folgten die Wagen des Gesangvereins Melomania und des Aschaffen­burger Volksvereins. …

Die Aschaffenburger Zeitung berichtete euphorisch: „Tausende von demokratischen Männern, Frauen und Kindern, in festlichen Gewändern und mit freudestrahlenden Gesichtern“ jubelten am Wegesrand dem Demonstrationszug zu oder schlossen sich ihm unterwegs an.

In Frohnhofen war ein imposantes Rednerpodest aufgebaut, vor dem sich die außerordentlich große Menschenmenge versammelte. … Böllerschüsse begrüßten die prominenten Gäste aus der Paulskirche, zur Eröffnung wurde das Bundeslied von Mozart gespielt und der Präsident des Aschaffenburger Volksvereins Dr. Karl Julius Wailandt hieß die Menge willkommen. In den zahlreichen Ansprachen forderten die Redner die Anwesenden auf, an den Beschlüssen der Frankfurter Nationalversammlung und der von ihr ausgearbeiteten Reichsverfassung festzuhalten. …

Auch die Kultur kam nicht zu kurz an diesem denkwürdigen Tag: Die Aschaffenburger Volksvereinsmitglieder führten im Anschluss an die Reden ein tiefgründig-satirisches „Spektakelstück“ auf mit dem Titel: „Die große Volksversammlung zu Frohnhofen oder die verkappte rothe Republik“. Am Ende der Veranstaltung wurden die Paulskirchen­forderungen durch Akklamation der Menge angenommen. Im Freudentaumel und unter Musikbegleitung ging’s um 6 Uhr abends zurück nach Aschaffenburg.  …. Aber weder diese noch alle anderen Massenveranstaltungen konnten Bayerns König Maximilian II. beeindrucken. Am 23. April 1849 lehnte er die Annahme der Reichs­verfassung ab, nachdem bereits die Erste Kammer der Reichsräte ihre Zustimmung verweigert hatte.